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Der Kreis Aramäischer Studierender Heidelberg (KrAS) lud anlässlich seines 10-jährigen Jubiläums im Jahre 2010 zu einer historischen Vortragsreihe unter dem Titel „Die Aramäer – Von der Antike bis heute“ an die Neue Universität Heidelberg ein. Der KrAS konnte einige renommierte Wissenschaftler aus Deutschland und dem Ausland für sein Projekt gewinnen. Die Vorträge beschäftigten sich unter anderem mit der Geschichte der Aramäer, ihrer Sprache und mit ihren Perspektiven in der heutigen Zeit.

  • 28.10.2010: Prof. Dr. Stefan M. Maul „Die Aramäer in den assyrischen Quellen“
  • 04.11.2010: Dr. Renaud Kuty „Aramäisch als Lingua Franca in der Antike“
  • 11.11.2010: Prof. Dr. Angelika Berlejung „Die Aramäer im Alten Testament“
  • 16.11.2010: Prof. Dr. Dr. h.c. Martin Tamcke „Die Aramäer in frühchristlicher Zeit“
  • 25.11.2010: Yousef Khouriye M.A. „Die Aramäer und der Koran“
  • 02.12.2010: Prof. Dr. Dorothea Weltecke „Die Aramäer im Mittelalter“
  • 09.12.2010: Prof. Dr. Werner Arnold „Aramäisch heute“
  • 13.01.2011: Dr. Tessa Hofmann „Die Aramäer am Ende des Osmanischen Reichs – Der unbekannte Völkermord“
  • 20.01.2011: Prof. Dr. Rudolf Grulich “Die Aramäer heute im Nahen Osten“
Prof. Dr. S. M. Maul: „Die Aramäer in den assyrischen Quellen“
Prof. Dr. S. M. Maul: „Die Aramäer in den assyrischen Quellen“

Prof. Dr. S. M. Maul eröffnete die Vortragsreihe mit dem Thema „Die Aramäer in den assyrischen Quellen“. Nur die wenigsten wissen, dass die Aramäer assyrischen Quellen zufolge bereits mehr als 1 000 Jahre vor Christus in Mesopotamien und Syrien lebten.

Der gemeinsame Nenner der Aramäer im Exil sind ihre Traditionen, ihre Religion und vor allem ihre Sprache, die neben Griechisch und Chinesisch zu den ältesten gesprochenen Sprachen auf der Welt gehört. Dr. R. Kuty hielt den nächsten Vortrag mit dem Titel „Aramäisch als Lingua Franca in der Antike“. Dr. Kuty erklärte unter anderem, dass Franca vom Begriff Fränkisch kommt und für frei und offen steht. In diesem Zusammenhang war Aramäisch eine Mischsprache im Mittelmeerraum. „Das assyrische Reich blühte vom 10. bis 8. Jhd. v. Chr. Die Aramäer mussten ihre Kleinstaaten aufgeben und wurden von dieser Großmacht unterdrückt. Dadurch wanderten sie umher und aus diesem Grund verbreitete sich die Sprache und blühte auf. Sowohl Assyrer als auch Neu-Judäer verstanden Aramäisch. Aramäisch wurde somit eine Handels- und Verkehrssprache. Selbst als 610 v. Chr. das Assyrische Reich fiel, führten die Fürsten des Neu-Babylonischen Reichs das Aramäische weiterhin als Kanzlersprache fort“, erklärte Dr. Kuty. 

Die Sprache Aramäisch war zurzeit von Christi Geburt die Umgangssprache im gesamten Nahen Osten. Selbst ältere Teile der Bibel wurden in aramäischer Schrift verfasst. Prof. Dr. A. Berlejung zitierte während Ihres Vortrags „Die Aramäer im Alten Testament“ unzählige Stellen, in denen die Aramäer namentlich erwähnt wurden. Beispielsweise wird in Genesis 10,21-31 der erste Aramäer, Aram, einer der fünf Söhne Sems, erwähnt. (Jesaja 36,11: „Bitte sprich Aramäisch mit uns, deinen Knechten; wir verstehen es gut. Sprich doch vor den Ohren des Volkes auf der Stadtmauer nicht Judäisch mit uns.“)

Prof. Dr. W. Arnold: „Aramäisch heute“
Prof. Dr. W. Arnold: „Aramäisch heute“

Mit den Aramäern in der Früh-christlichen Zeit beschäftigte sich Prof. Dr. Dr. h.c. M. Tamckes Vortrag. Prof. Tamcke ging auf die Lebensweise der christlichen Gemeinden ein, die „jüdische Züge aufwiesen und zurückhaltend (nicht auffällig) lebten“. Zu dieser Zeit stellten das Römische Reich im Westen und das Persische im Osten zwei große Staatsgebiete dar. Bedeutend für die Entwicklung des Christentums war der persische Weise Aphrahat, der mit seiner semitistischen Denkweise einer der ersten syrischen Kirchenväter darstellte. Charakteristisch für das semitistische Christentum waren unter anderem das Fasten und Buße-Tun. Ein wichtiger Gelehrter und Zeitgenosse Aphrahats im Westen war Ephräm. „Die Kirche des Westens zeichnete sich durch den großen Anteil des Mönchtums aus. Hier stand die Gemeinschaft im Vordergrund, im Osten jedoch waren die Mönche Individualisten“, erklärte Prof. Tamcke.

Chronologisch führte Prof. Dr. D. Weltecke mit ihrem Vortrag „Die Aramäer im Mittelalter“ die Vortragsreihe fort. Frau Weltecke stellte gleich zu Beginn ihres Vortrages die Identitätsfrage „Wer sind Aramäer?“. Historisch sei nicht ausreichend beschrieben wer Aramäer sind. In den Quellen werden Aramäer je nach Autoren als „Oromoye“ bezeichnet. Michael der Große (Patriarch) schreibt in der Chronik „Menschen aus Syrien“ Assyrer stammen von Aramäern ab. In einem Wörterbuch aus dem 10. Jhd. heißt es wiederum „Aramäer sind Heiden“. Die Aramäer selbst nannten sich jedoch Suryoye (Syrer), Madenchoye (Ostsyrer) und Marchoye (Westsyrer). Nach Ansicht mancher Orientalisten haben Aramäer ihre Identität verloren bzw. gäbe es keine „richtige“ Definition. Gleichzeitig deutet Frau Weltecke beispielhaft darauf hin, dass selbst Karl der Große nicht von „Deutschen“ spricht, sondern von „Franken“. Gelten diese nicht trotzdem als Deutsche?

Yousef Khouriye: „Die Aramäer und der Koran“
Yousef Khouriye: „Die Aramäer und der Koran“

Prof. Dr. W. Arnold referierte zum sprachwissenschaftlichen Thema „Aramäisch heute“. „Keine andere semitische Sprache ist so vielfältig wie das Aramäische“, merkte Prof. Arnold ähnlich wie Dr. Kuty an, der als sprachliche Besonderheit des Aramäischen seine verschiedenen Dialekte erwähnte. Prof. Arnold ging unter anderem auf den Mlahso- und Turoyo-Dialekt ein. Anhand von Aufnahme wies er Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf.

Der aramäische Referent Yousef Khouriye M.A. hielt einen Vortrag zum Thema „Die Aramäer und der Koran“. Vergleichend zitiert Herr Khouriye den Koran und Ephräm.

Mit dem bewegendem Thema „Die Aramäer am Ende des Osmanischen Reichs – Der unbekannte Völkermord“ fuhr Frau Dr. T. Hofmann die Vortragsreihe fort. Der Zerfall der aramäischen Kultur beginnt mit der Islamisierung des Nahen Ostens im 7. Jhd. n. Chr. Die Aramäer sind als Christen über Jahrhunderte hinweg Verfolgungen und Diskriminierungen der arabischen Dynastien, der Mongolen und des Osmanischen Reichs ausgesetzt. Die jüngste Verfolgung ist der Genozid im Jahre 1915 seitens der Jungtürken – ein Völkermord, welchen der türkische Staat bis heute leugnet.

Prof. Dr. R. Grulich deutete mit seinem Vortrag „Die Aramäer heute im Nahen Osten“ darauf hin, wie schwierig es ist in der heutigen Zeit in Europa „zu Wort“ zu kommen. „Solange es im Nordirak Christen gibt, sollte man auf Europa Druck ausüben“, forderte Prof. Grulich. Vor tausend Jahren waren noch über neunzig Prozent der irakischen Bevölkerung christlich – heute sind es weniger als zwei Prozent und wenn nicht sehr bald Hilfe eintrifft, werden auch die letzten Christen im Irak lediglich 2000 Jahre alte Geschichte sein.