KrAS  »  Wissenschaftliche Vorträge  »  Bericht: Vortrag Holger Gzella 2016

Das Reichsaramäische als Weltsprache und sein bleibendes Erbe - ein Vortrag von Prof. Dr. Holger Gzella

Am Abend des 17.06.2016 fanden sich über 65 Gäste im Hörsaal 1 der Neuen Universität Heidelberg zusammen, um Prof. Dr. Gzellas interessanten und historisch durch Fakten belegten Vortrag zum Thema „Das Reichsaramäische als Weltsprache und sein bleibendes Erbe“ zu lauschen.

Obwohl es weltweit nur noch etwa 2.000.000 Sprecher des Aramäischen gibt, ist es umso interessanter, dass das Aramäische im 7. Jh.v.Chr. und noch zu Jesu Zeiten selbst noch eine Weltsprache der damals bekannten Welt war. Dies ist umso erstaunlicher in Anbetracht der Tatsache, dass die Aramäer nie ein vereinigtes Königreich hatten, sondern nur in Stämmen den Handel pflegten. Mit diesen Phänomenen beschäftigte sich Prof. Dr. Holger Gzella, Lehrstuhlinhaber für Hebräisch und Aramäisch an der Universität Leiden/Niederlande, im Verlauf seines Vortrages. Ebenso beleuchtete er, welches Erbe das Aramäische hinterlassen hat und dass sich viele Spuren in der Geschichte finden lassen. Etliche steinerne Königsinschriften auf Relikten bezeugen dies. Zwar lässt sich eine Einheit des Aramäischen nur im gemeinsamen Ursprung finden, doch die Vielfalt an Schriftsprachen und Dialekten verdeutlicht die historische Verbreitung der aramäischen Sprache auch unabhängig von den ethnisch aramäischen Bevölkerungsgruppen Syriens und Mesopotamiens.

Im 9./8. Jh.v.Chr. hatte sich das Ältere Altaramäisch von einer Stammessprache der aramäischen Clane zur standardisierte Schriftsprache in der Verwaltung und Repräsentation in den neuen aramäischen Stadtstaaten Syriens (Hamat, Damaskus, usw.) herauskristallisiert. Gründe hierfür können in ihrer Einfachheit und Fortgeschrittenenheit gelegen haben. Ab dem 7./6. Jh.v.Chr. verbreitete sich das Aramäische unkontrolliert außerhalb Syriens im Neuassyrischen und Neubabylonischen Reich weiter und war neben der akkadischen Amtssprache nun nicht mehr Zweitsprache im Verwaltungsapparat, sondern beherrschende Sprache Mesopotamiens. Seine Standardisierung fand im Zuge einer Verwaltungsreform des sich schnell von Persien aus verbreitenden Achämendienreiches im 5 Jh.v.Chr. statt. Das Aramäische war somit die Amtssprache sowie internationale Schrift- und Literatursprache im vielsprachigen Weltreich, die viele einheimische Kultursprachen ersetzte.

Mit dem Fall des Perserreiches durch Alexander den Großen fächerte sich die gemeinsame schriftsprachliche Tradition des Aramäischen auf und es traten nach dem 3. Jh. v. Chr. örtliche aramäische Schriftsprachen im ganzen Nahen Osten auf (Syrien: Palmyra, Hatra, Edessa; Palästina: Biblisch-Aramäisch; Qumran). Mit dem Wechsel von politischer zu religiöser Identität als Bezugsrahmen in der Spätantike wurde das Aramäische zur Sprache handschriftlich überlieferter Literaturen, wie z.B. das christliche Syrisch, welches in Klöstern gepflegt und ausgebildet wurde. Das Syrische gelangte mit der christlichen Mission bis nach China und vermittelte auch dem frühen Islam griechische Wissenschaft.

Durch das Arabische wurde das Aramäische im 7.-9. Jh. n.Chr. als Weltsprache abgelöst, und unterbrach schließlich das aramäische Kontinuum. Bis heute ist das Aramäische in zahlreichen Dialekten vorhanden und hat im Mittelalter in religiöser Literatur seine Kulturleistung des Altertums geleistet.