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„Siehe das Unsichtbare im Sichtbaren: Mor Ephrem der Syrer über Kunst, Denken und Glauben“ – Ein Vortrag von Dr. Kees den Biesen

Kees den Biesen

Am 17.01.2014 war der Theologe Dr. Kees den Biesen als Referent zu Gast beim Kreis Aramäischer Studierender Heidelberg e.V. in der Neuen Universität Heidelberg. Thema des Abends war „Siehe das Unsichtbare im Sichtbaren: Mor Ephrem der Syrer über Kunst, Denken und Glauben“.

Mor Ephrem wurde ca. 300 n. Chr. in Nisibin, im Norden Mesopotamiens, geboren und starb am 9.6.373. Er war ein Schüler des Bischofs Mor Yakub. Wahrscheinlich war er Diakon und Lehrer. Viele seiner Handschriften im Estrangelo-Alphabet sind noch heute erhalten.

Es gibt kaum Informationen zu seiner Person und er ist bis jetzt wenig erforscht. Zwar spielte er eine große Rolle im frühen Christentum, jedoch wurde er erst in den letzten Jahrhunderten erst wieder entdeckt. Seine historische Realität ist also nur schwer fassbar. Umso mehr sind seine Werke von großer theologischer und philosophischer Bedeutung. Ephrem hatte das große Talent aus allem seine Inspiration ziehen zu können und somit alles zu veredeln. Er war keine isolierte Figur, sondern Teil des Mittelalters. Man kann viele Parallelen zu Denkern und Dichtern zu seiner Zeit an anderen Orten, aber auch zu späteren Zeitpunkten finden.

Um den Titel seines Vortrages seinem Publikum näher zu bringen, zeigte Dr. Kees den Biesen zu Beginn einige Naturzeichnungen und Bilder architektonischer Bauwerke. Ziel war es das Offensichtliche vorzuführen, aber auch auf das dem Auge Verborgenen hinzuweisen.

Denn „Das Sichtbare im Sichtbaren“ zu sehen, bedeutet das Fließen des Lebens „sehen“ zu lernen und aus verschiedenen Perspektiven zur gleichen Zeit auf etwas zu schauen. Grob gesagt, den eigenen Blick zu erweitern. Dieser Aspekt zog sich wie ein roter Faden durch den Vortrag und hilft die Person und das Denken des Mor Ephrem besser zu verstehen.

Menschen schaffen Grenzen, um das Unbegrenzte einzugrenzen und dadurch Schönheit vermitteln zu können, da ansonsten die Umgebung zu reich an Schönheit und Ästhetik wäre. In diesem Sinne sah sich Mor Ephrem als Maler. Er stand der Realität wie einem Bild gegenüber und malte mit Wörtern. Er konnte zwar nicht alles erfassen, aber er versuchte es so gut wie möglich mit Wörtern zu vermitteln. In allem Sichtbaren liegt etwas Verborgenes und Großes, das wusste Mor Ephrem und er hatte Ehrfurcht davor. Er konnte das Unsichtbare nicht ergreifen, nur das Sichtbare betrachten und erforschen. Das Unsichtbare ehrte er und schwieg aber darüber. Nur durch das Verstehen des Sichtbaren, ist man in der Lage das Unsichtbare zu erforschen und diese zu erfassen, soweit es einem Menschen möglich ist. Dies ist jedoch eine nie endende Aufgabe. „Das Auge blieb draußen, und ich ging hinein.“ Mit diesen Worten verdeutlicht Mor Ephrem wo das Theologische Denken, die Arbeit des Geistes, beginnt. Im Unbegrenzten erstellen wir Objekte, die einen Bezug zueinander haben und eine Grenze bilden. Der begrenzte Raum ist folglich notwendig, um auf den unbegrenzten Raum verweisen zu können, den Blick zu öffnen und Zusammenhänge zu ziehen.

Bezüge sind Ansichtssache und unterscheiden sich je nach Perspektive. Es gibt das logische Denken und es gibt das unsichtbare Denken. Das Ganze einer Person ist z. B. viel größer als die Summe all ihrer Teile. Es steckt viel mehr dahinter.

So ist das Reden in der Theologie ein Reden mit Lücken, einerseits logisch, andererseits analog. Es gibt das Ganze, aber auch eine Aneinanderreihung von einzelnen Teilen, nebeneinander, ohne Kommunikation, ohne Zusammenhang und ohne eine Einheit zu bilden. An dieser Stelle zitiert der Referent Garcia Marcus: „Ich kenne meine Frau so gut, dass ich gar nicht weiß wer sie ist.“

Weil Gott uns nach seinem Bildnis geschaffen hat, schaut uns durch die Augen jedes Menschen ein Geheimnis an!

Mor Ephrem sagte dazu, dass man Denken und Glauben nicht rationalisieren oder fassbar machen kann. Dadurch würde man das Geheimnis zerstören. Man müsse das Geheimnis in Bildern, also in Wörtern darstellen, um es zu veranschaulichen, denn Gott oder der Mensch sind nicht auf den Punkt zu bringen. Gerade diese Aussage führte zur Zeit Mor Ephrems zu großen Konflikten. Ephrem dachte im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen dreidimensional, aber wurde lange Zeit eindimensional ausgelegt, was ihm in keiner Weise gerecht wird.

Mor Ephrem war kein Systemdenker und wollte nie das letzte Wort haben. Er wollte einfach nur über das Unaussprechliche sprechen und alles Fundamentale zur Frage stellen. Dadurch wollte er kein System schaffen, um anzugreifen, sondern nur im Bereich des Unfassbaren und Ungreifbaren diskutieren und suchen. Über das zu sprechen, worüber man nicht sprechen kann, das war sein Ziel. Er war ein sehr großer Dichter und Denker, sowie ein tiefgründig denkender Theologe. Heutzutage ist das gläubige Denken dem wissenschaftlichen Denken unterworfen und rationalisiert. Alles scheint durchdacht werden zu können. Mor Ephem war da gegenteiliger Meinung und sah verschiedenen Dimensionen des menschlichen Daseins vorhanden, die wir niemals alle verstehen können, bestenfalls nur die Gesamtdimension betrachten. Mor Ephrem hatte großen Glauben und war tief mit seiner Kultur verwurzelt und war zudem sehr intellektuell. Seine Sichtweise war unglaublich vielseitig und er betrachtete aus vielen Perspektiven, um zu herauszufinden was Wahrheit ist, aber ohne sie zu benennen.