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„Christen im Nahen Osten zwischen den Fronten“ – Ein Vortrag von Simon Jacob

Am 07.06.2013 war Simon Jacob, 1.Vorsitzender des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD), an der Neuen Universität Heidelberg zu Gast beim Kreis Aramäischer Studierender Heidelberg e.V. (KrAS).

Simon Jacob wurde am 01.04.1978 im Tur Abdin (Türkei) geboren und kam 1980 mit seinen Eltern als Immigrant nach Deutschland. In Bayern zur Schule gegangen und aufgewachsen, schlug er im Anschluss einen beruflichen Werdegang ein. Mit der Denkweise eines Unternehmers ausgestattet, wurde er 2010 zum Integrationsbeauftragten der Syrisch-Orthodoxen-Kirche benannt und ist es bis heute. Simon Jacob vertritt aber nicht nur die Interessen der Syrisch-Orthodoxen Christen, sondern vielmehr als 1.Vorsitzender der ZOCD die Interessen aller Christen in Deutschland und besonders der Christen im Nahen Osten. Er ist somit ein Vertreter aller orientalischen Christen und arbeitet für die Menschlichkeit.

Inhalte des Vortrags

Thema des Vortrages waren die „Christen im Nahen Osten zwischen den Fronten“. Zu Beginn wurde vom Referenten eine grobe Übersicht über die Aramäer gegeben. Diese wurden in großer Anzahl in der Vergangenheit aus ihren Ursprungsregionen und aus ihrer Heimat Mesopotamien – dem Zweistromland – vertrieben. Einige wenige Gründe dafür waren das Bedürfnis nach Religions- und Meinungsfreiheit, soziale Gleichheit und das Recht auf individuelles Leben. Es gab zwei große Auswanderungswellen. Die erste fand während des Genozids an den Christen im Osmanischen Reich, dem sogenannten Sayfo, 1918/1919 statt. Die zweite fand 1980/1981 wegen Aufruhraktionen der PKK statt. So flohen bis 1980 ca. 250.000 Syrisch-Orthodoxe Christen nach Europa. Hauptziele waren Deutschland, die Niederlande und Schweden.

Aramäer in Deutschland

Heute zählt die Syrisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland 100.000 Mitglieder, verteilt auf 64 Gemeinden mit 56 Priestern und 36 Kirchen. So niedrig diese Anzahl an Menschen auch sein mag, so stark kann aber auch die Schlagkraft einer Minderheit sein, wie ein Beispiel aus der nahen Vergangenheit zeigt. Bei einer Online-Volksabstimmung im Jahr 2012 sollte ein politisches Thema gewählt werden, das für das Volk von besonderer Wichtigkeit ist. Tatsächlich wurde das Thema des Völkermordes an den Armeniern, Aramäern und anderen Christen im Osmanischen Reich auf Rang 1 befördert.

Folgend wurde vom Referenten die Lage der Christen im Nahen Osten, speziell nach Staaten unterteilt, dargelegt.

Türkei

In der Türkei ist die Situation zwiespältig. Es gibt den modernen Westen der Türkei, der auf eine Demokratie zustrebt und den Menschen mehr Rechte gewähren möchte. Dem gegenüber steht der traditionelle Osten der Türkei, der zum einen durch die zunehmende Islamisierung des angrenzenden Iraks beeinflusst wird und zum anderen durch hierarchische Clanstrukturen durchzogen ist. Somit ist die Türkei gezwungen eine Entscheidung zu treffen, welche Richtung sie einschlägt, da das vorhandene System ein zweischneidiges Schwert ist. Diese Entscheidung wird folglich auch Konsequenzen für die Christen in der Türkei haben.

Irak

Im Irak hingegen gibt es massenhaft Konflikte. Das Land selbst ist in drei Teile gespalten: der schiitische Süden, die Sunniten im mittleren Gebiet und im Norden das autonome Kurdistan. Außerdem kommen immer mehr ausländische Ströme aus den Nachbarregionen in den Irak, die dazu führen, dass dieser heutzutage hauptsächlich fundamentalistisch geprägt ist. Diese Gegebenheiten fördern die Konflikte und Aufstände im Land. Die größten Opfer hierbei sind die dort ansässigen Christen, da sie wegen ihrer Religion den Grundsätzen der Islamisten widersprechen und eine optimale Angriffsfläche bieten. Dies führt zu Hinrichtungen, welche meist in höchstem Maße grausam sind. Das schwerste Los tragen dann die Hinterbliebenen, die mit der unmenschlichen Ermordung eines geliebten Menschen umgehen und leben müssen.

Die Wut und die Aggression, die Simon Jacob auf seinen Reisen aufgrund dieser Gräueltaten hegte, lernte er umzusetzen. „Man soll den Dialog suchen und sich nicht auf die Wut konzentrieren, denn sonst unterscheidet man sich nicht von den Tätern“, so Simon. Er nutzt deshalb seine unternehmerischen Fähigkeiten, um ein Konstrukt zu gründen, das jungen Menschen die Möglichkeit zum Dialog verschafft. Hierbei wird nicht nur ein Gespräch zwischen Christen verschiedener Konfessionen gesucht, sondern auch ein Dialog zwischen Christen und friedlichen Muslimen, die ebenso wie alle anderen Menschen auch ein Leben in Ruhe und Freiheit suchen. „Es soll ein Dialog zwischen Menschen sein. Es soll aber auch ein Gespräch mit den Unruhestiftern sein, denn nicht alle Unruhestifter sind Radikale, auch mit ihnen sollte man kommunizieren.“, so Simon. Bei einem ist sich Simon Jacob nämlich sicher: Mit Radikalen kann man nicht reden!

Syrien

Auch in Syrien spitzt sich die Lage für die bis dahin in Frieden lebenden Christen zu. Der Bürgerkrieg bietet ausländischen Islamisten die Möglichkeit sich unter die Flüchtlinge zu mischen und Unruhe zu stiften. Sie vereiteln jedwede Bemühungen der Opposition den Frieden voranzutreiben. Es werden zunehmend mehr Opfer unter den Christen gezählt, die oft gezielt ausgesucht werden. Fest steht, dass Assad – aufgrund der Gräueltaten, die seinem Regime zu verschulden sind – nicht mehr tragfähig ist. Dennoch dürfen das System und die Struktur nicht zusammenbrechen, sondern müssen als solches bestehen bleiben, da sonst eine Katastrophe wie im Irak die Folge wäre.

Ägypten

In Ägypten lebt die größte Gemeinschaft an Christen im Nahen Osten. Die Probleme der Christen sind hier ähnlich wie in den Nachbarländern, wenn auch nicht ganz so zugespitzt.

Gibt es eine Lösung für die Christen im Nahen Osten?

Einen Lösungsansatz für die Lage der Christen im Nahen Osten ist ein ehrlicher Dialog. Es ist wichtig eine Brücke zum Nahen Osten zu bauen, um überhaupt einen Dialog führen und die christlichen Gruppen vertreten zu können.

Ein weiterer Schritt ist es, die junge Generation innerhalb der Kirchen zusammenzubringen. Dies soll der ZOCD ermöglichen und mit seiner Arbeit eine Plattform dafür bieten. Der ZOCD ist eine Anlaufstelle für alle Kirchen geworden – mit Betonung auf den Zusammenhalt aller Christen und nicht die Differenzierung untereinander. Nicht die Konfession zählt, sondern die Menschen. Erfreulicherweise kann man in diesen schweren Zeiten einen großen Zusammenhalt unter den Christen vorfinden, angeführt durch die Oberhäupter der Konfessionen, die zusammenkommen und einen ehrlichen Dialog miteinander und füreinander führen.