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„1915 & 2015 – Erneuter Völkermord an den Aramäern – Eine Analyse über die aktuelle Lage im Nahen Osten“ – Ein Vortrag von Prof. Dr. Udo Steinbach

Udo Steinbach

Am 10.07.2015 war der renommierte Nahostexperte und Islamwissenschaftler Prof. Dr. Udo Steinbach zu Besuch beim Kreis Aramäischer Studierender Heidelberg e.V. und referierte zum Thema „1915 & 2015 – Erneuter Völkermord an den Aramäern – Eine Analyse über die aktuelle Lage im Nahen Osten“. Die Zuhörer erhielten einen Einblick in die heutige Lage der aramäischen Christen, aber auch anderer Minderheiten im Nahen Osten. Hierbei wurden sowohl die geopolitischen Entwicklungen und Veränderungen seit dem Zusammenbruch des syrischen Regimes als auch die der letzten 100 Jahre seit dem Genozid an den Aramäern, Armeniern und Griechen erörtert und bewertet.

Schon zu Beginn seiner Rede machte der Referent deutlich, dass das Christentum des Orients in großer Not sei und vor allem die Christen im Irak in ihrer Existenz bedroht seien. Diese heutige Situation sei das Endspiel eines langjährigen Prozesses, der 1915 seinen Ursprung im Osmanischen Reich mit der ethnischen und religiösen Säuberung Anatoliens findet. Obwohl bisher meist von dem Völkermord an den Armeniern die Rede ist, mussten die ethnisch abzugrenzenden staatenlosen Aramäer, welche zu den orientalischen Christen zählen, prozentual gesehen ein ebenso großes Opfer bringen. Laut dem Verständnis des neu gegründeten türkischen Staates fielen sie nicht einmal unter den Schutzmantel des Vertrags von Lausanne, der Minderheiten Schutz garantieren sollte. Seitdem kann man von einem kontinuierlichen Niedergang der Christen im Nahen Osten und ihrem Identitätsverlust sprechen. Vor 1915 machten noch 20 % der Bevölkerung im heutigen türkischen Gebiet das Christentum aus. Heute, 100 Jahre später, sind es nur noch 0,04 %. Dafür sind es in Deutschland 100.000 syrisch-orthodoxe Aramäer, die hier eine neue Heimat gefunden haben. Nach den Ereignissen von 1915 mussten sich die Christen im Nahen und mittleren Osten immer wieder unter neuen Führern und in neuen Staaten organisieren und strukturieren. Irgendwie schafften sie es zu überleben. In Syrien wurden die Christen politisch und ökonomisch integriert und gesetzlich geschützt.

Ebenso verhielt es sich im Irak, als noch Saddam Hussein an der Macht war. Auch wenn diese, wie das restliche Volk, unter der Diktatur zu leiden hatten, so kann man von einem „Feigenblatt von Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten in einem diktatorischen Regime“ sprechen. Der Westen schenkte den orientalischen Christen währenddessen nie große Aufmerksamkeit. Dies änderte sich 2011 mit dem Ausbruch des sogenannten arabischen Frühlings, dem Beginn einer Serie von Aufständen und Revolutionen in der arabischen Welt. In den Medien als eine Anhäufung von Konfliktherden dargestellt, bewertet Prof. Dr. Steinbach dieses Ereignis als 3. Arabische Revolte. Die 1. Arabische Revolte ist die oben genannte, also der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Zu diesem Zeitpunkt hätte sich der Osten neu formatieren und verwirklichen können, doch der Westen hatte andere persönliche Interessen mit seinen ehemaligen Kolonien. Die 2. Arabische Revolte fand 1950 unter Gaddafi statt: Ein erneuter Aufschrei des Nahen Ostens nach Neustrukturierung. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir heute mitten auf dieses Desaster mit nicht absehbarem Ende blicken. Ein Desaster, welches durch das US-amerikanische Eingreifen die Terrororganisation Al Qaida und strategische Köpfe aus der Hussein-Ära an den Rand gedrängt und verbündet hat. Das Endprodukt ist uns allen als IS bekannt – eine Ideologie der Machterhaltung und der Ausübung von Brutalität, sowie einer fanatischen Auslegung des Islams.

Die Perspektiven dieser 3. Arabischen Revolte kann Prof. Dr. Steinbach selbst nicht abschätzen, denn eine neue Ordnung ist in weiter Sicht. Die Frage ist vielmehr, ob die Christen es so lange schaffen durchzuhalten und wenn sie dies tun, ob sie dann noch mit den Menschen zusammen leben wollen, die sie verraten haben. Die vergangenen 100 Jahre sind eine Epoche des Niedergangs der Symbiose von Christen und Muslimen. Für die Rolle Europas findet Dr. Steinbach harte, aber klare Worte: „Durch das Wissen und Nichteingreifen der Kolonialmächte von 1915 haben sich nicht nur Frankreich und England mitschuldig gemacht. Und die heutige Flüchtlingspolitik ist eher eine feige Ausrede der Europäer etwas Ernsteres zu unternehmen. Die Politik des Westens ist somit schamvoll und verantwortungslos.“ Auch das bis heute andauernde Desinteresse gegenüber dem orientalischen Christentum ist unverständlich, da diese stellvertretend für alle Minderheiten dieser Region und letztendlich für die Humanität stehen. Zum Schluss zitiert der Referent den syrisch-katholischen Bischof von Mosul: „Die Menschen im Westen kämpfen gegen das Aussterben von Tierarten. Wie können sie zusehen, wenn ein ganzes Volk ausstirbt? Warum überlässt uns die Welt dem langsamen Tod?“.