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„Die Aramäer im Neubabylonischen Reich“ – Ein Vortrag von Prof. Dr. Angelika Berlejung

Am 28.11.2014 war Prof. Dr. Berlejung beim Kreis Aramäischer Studierender (KrAS) in Heidelberg zu Gast. Sie hielt einen sehr aufschlussreichen und historisch durch Fakten belegten Vortrag zu den Aramäern im Neubabylonischen Reich.

Das Neubabylonische Reich löste in Mesopotamien um etwa 612/609 (Eroberung von Ninive bzw. Harran) in der Levante erst ca. 605 v. Chr. das Neuassyrische Reich ab und dauerte bis etwa 538 v. Chr., als es schließlich vom Persischen Reich abgelöst wurde. Aramäerstämme siedelten sich schon zur Zeit der Assyrer in Babylonien an, wo sie in Texten oft als Viehzüchter in Erscheinung treten, jedoch zunehmend auch politisch eine Rolle spielten.

Inschriften von Nebukadnezar – dem wichtigsten König des Neubabylonischen Reichs – belegen, dass das Reich geographisch dreigeteilt war. Zum einen gab es das sumpfige Meerland im Süden und zum andern das ehemalige Assyrien im Norden; dazwischen lag das zentrale Land Akkad – das zentrale und nördliche Babylonien mit Siedlungsgebieten aramäischer und chaldäischer Stämme östlich des Flusses Tigris. Das Zentrum schließt auch die alten babylonischen Städte wie Babylon, Sippar, Borsippa, Nippur, Uruk und Kutha mit ein. Obwohl die Aramäerstämme nicht in den Städten lebten, sondern in den Peripherien, hatten sie großen Einfluss. Aramäer sind namentlich nachgewiesen als Würdenträger in königlichem Dienst (Hofkalender des Nebukadnezar) z. B. als Schreiber am königlichen Hof. Es konnten bislang die Namen von 42 Aramäerstämmen der damaligen Zeit nachgewiesen werden, was eine beträchtliche Zahl ist. So bleibt es nicht verwunderlich, dass auch einige Könige des Neubabylonischen Reiches von Aramäern abstammten. Bereits im 8. und 7. Jhd. v. Chr. gingen einige babylonische Könige aus einem Stamm der Aramäer hervor – und nicht etwa aus einem babylonischen Stadtzentrum oder gar aus der Stadt Babylon selbst. Auch im Neubabylonischen Reich war das nicht anders. König Neriglissar und sein Sohn waren Aramäer aus dem Stamm der Puqudu. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Tatsache, dass die Aramäer sich nicht assimilierten und ihre Identität beibehielten, indem sie untereinander heirateten.

Die aramäische Sprache war zwar schon zuvor die Umgangssprache im Reich gewesen, aber spätestens mit dem Amtseintritt der aramäischstämmigen Könige, wurde die Verwaltung des Reiches zweisprachig und zweischriftlich. Die Urkunden wurden auf babylonisch verfasst, jedoch gab es oft auch eine aramäische Beischrift dazu. Da das Aramäische als Alphabetschrift einfach zu erlernen war, eignete es sich besser als Babylonisch/Keilschrift (= Silbenschrift) als Umgangssprache. Deshalb wird das Aramäische als die „Mutter aller Alphabetschriften“ bezeichnet. Aus der Nilinsel Elefantine in Ägypten sind aramäische Schultexte bekannt, anhand derer die Kinder lesen und schreiben lernten. Einer dieser Texte ist bis heute vorhanden und ein Meisterstück aramäischer Literatur: „Ahiqar“ (ein Papyrus datiert in die Perserzeit; es hatte aber zweifellos ältere Vorgänger). Die Erzählung handelt vom erfolgreichen Königsberater Ahiqar, der als weiser Aramäer am Assyrischen Hof angestellt ist. Es gibt eine jüngere Rahmenhandlung, die um einen älteren Kern von Sprüche-Sammlungen herum verfasst wurde. Bis heute wurde die Geschichte in viele Sprachen übersetzt und deren Weisheiten gelten noch immer international.

Leider ist aus Babylonien und danach selbst nicht viel an Aramäisch verfassten Texten übriggeblieben, da die Aramäer auf Papyri schrieben, welche dem destruktiven Zerfall im feuchten Mesopotamien ausgesetzt waren. Hingegen sind bis zur heutigen Zeit viele keilschriftliche Texte erhalten geblieben, da die Assyrer und Babylonier seit Anbeginn auf Tontafeln schrieben. Auf diesen Tafeln lassen sich aus der mittelbabylonischen Zeit (1500–1100 v. Chr.) in der babylonischen Weisheitsdichtung „Counsels of Wisdom“ Parallelen zu Sprüchen im Roman Ahiqar finden:

  • Counsels of Wisdom: „148. Einem Freund und Kumpanen erzähle niemals dein Geheimnis.“
  • Aramäischer Ahiqar: „141. Deine Geheimnisse, enthülle sie nicht vor deinen Freunden, lass deinen Namen nicht vor ihnen leicht (= wertlos) sein.“

Naheliegend ist also, dass die aramäische Ahiqar-Spruchsammlung in dem mittelbabylonischen Counsels of Wisdom einen Vorläufer hatte sowie andere Proverbien-Sammlungen vorlagen, die dem Schreiber und Kompilator der Ahiqar-Sprüche bekannt waren.